‘Spitzbuben’

Es war einer dieser grauen, kalten Tage.
Die Wolken hingen dunkelgrau und schwer beladen an den umliegenden Hügeln, als wollten sie sich für ewig daran festklammern. Es nieselte.
Ich suchte Schutz unter dem großen Vordach des Einkaufzentrums am Rande unserer Kleinstadt und wartete, das bunte Treiben im Eingangsbereich beobachtend, auf den Bus.

Ein silbergrauer Pick-up, mit klatschnassen Kisten und diversen Angelruten auf der Ladefläche, fuhr im Schneckentempo vor. Zwei ältere Herren, mit weiten, wetterfesten Jacken und in Stiefeln gekleidet, stiegen aus. Ihre vom Wetter gegerbten, faltigen Gesichter zeigten Erheiterung, als hätten sie sich eben einen Witz erzählt und sie postierten sich bei der Telefonzelle. Offensichtlich waren sie noch nicht im Handyzeitalter angekommen, denn sie trafen Anstalten, zu telefonieren.

„Alfred, hast du Münzen für den Anruf?“, wollte derjenige, der als Fahrer fungierte, wissen.
„Ja, ich denke schon“, gab dieser schelmisch grinsend zur Antwort und öffnete die Türe der Zelle.
„Soll ich es nun genauso, wie abgesprochen durchziehen, Franz?“, wollte er noch wissen.
Der Fahrer lachte zurück, hob den Daumen seiner rechten Hand und nickte bestätigend, als wollte er seinem Freund Mut machen und verschwand im Einkaufzentrum.

Was die Beiden wohl vorhatten?, dachte ich für mich.
Von Neugierde gepackt, verschob ich meine Position etwas näher zur Kabine und hoffte den Anruf mitzubekommen.

Ungeschickt drückte der Alte seine Münzen durch die Schlitze und begann mit zittriger Hand zu wählen.
Er öffnete die Türe einen kleinen Spalt weit, um etwas Luft herein zu lassen.
„Martha, …. ja, ich bin’s, Alfred, wie geht es dir?… schön … fabelhaft … das Wetter ist traumhaft … ja, wie es die Vorhersage prophezeit hatte … nein, überhaupt nicht!“

Von welchem Wetter er wohl sprach, überlegte ich mir und schaute zu den wolkenverhangenen Hügeln in der Ferne.

„… wir haben schon Einiges gefangen … die beißen an, wie die Wilden … ich denke, dass wir einige am Wochenende braten können. Nein, die Sonne scheint … zum Glück habe ich auch T-Shirts dabei … gut und gerne 20 Grad … in einer Telefonzelle, in der Nähe … schon ziemlich heiß!

Er drehte sich gegen den Eingang des Einkaufzentrums, bestimmt, um zu sehen, ob sein Freund bereits zurückkommen würde.

Verlegen machte ich ein paar Schritte weg von der Kabine und hoffte, dass er meinen Lauschangriff nicht bemerkt hatte.
Wovon erzählte der Alte bloß? 20 Grad und heiß? Welche Lüge!

„Sonnenbrand? Nein, ich trage meinen Hut den ganzen Tag … keine Angst wir passen auf … ja, die Hütte ist genau richtig, und bei dir, alles ok? Triffst du dich heute Abend mit Maria?“

Angewidert von seinen Lügen kehrte ich der Kabine den Rücken zu.
Wen belog der Alte? Seine Frau oder eine Geliebte?
Während meine Gedanken um dieses mysteriöse Telefongespräch kreisten, kehrte ‘Franz’ der Fahrer, mit zwei vollgepackten Papiertüten zurück. Er schlenderte an mir vorbei und stellte sich interessiert zur Kabine.

„Wir wünschen euch einen schönen Abend … Franz steht bei mir… ja, er ging einkaufen … ich glaube, er hat alles Nötige … das sollte reichen bis Ende Woche … genießt den Abend … wir kommen nicht vor Samstag. Nein, das Wetter ist zu schön … die paar Tage ohne euch überstehen wir problemlos … was? Dich vermissen? Höchstens ein kleines Bisschen … also bis am Samstag … Liebe dich auch!“

Schmunzelnd öffnete ‘Alfred’ die Türe und meinte: „Alles klar! Wie wir angenommen haben – sie treffen sich bei uns - sie meinte gegen 18 Uhr!“
„Hat sie dir die Story abgekauft? Hat sie keinen Verdacht geschöpft?“, fragte ‘Franz’ zweifelnd.
„Nein, auf keinen Fall – und du - hast du unseren Fang in der Fischabteilung noch komplettieren können?“, wollte ‘Alfred’ aufgeregt wissen.
„Sicher! Komm, lass uns losfahren, damit wir sie auch wirklich pünktlich überraschen können – sicher gibt es vor dem Tunnel wieder Stau!“
„Na, die zwei werden Augen machen, wenn wir schon heute Abend wieder auftauchen!“ sagte ‘Alfred’ über die Kühlerhaube hinweg und stieg ins Auto ein.

Unter spitzbübischem Gelächter fuhren die Beiden los.

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